Wirtschaft zu erklären ist schwierig, aber möglich

Christoph Varga über die Herausforderungen, Wirtschaft verständlich zu machen.

Christoph Varga, Sendungsverantwortlicher der ZiB2 und ZiB-Nacht, im Gespräch mit Michaela Weininger (Studierende des Master Studiengangs Wirtschafts- und Finanzkommunikation):

Sie leiteten viele Jahre die Wirtschaftsredaktion der ZiB, bevor Sie zum Chefredakteur der ZiB2 und ZIB-Nacht wurden. Die beiden Themen – Wirtschaft und Kommunikation – zu verknüpfen, gehört zu Ihrem Alltag. Was finden Sie als Journalist an Wirtschaft besonders reizvoll? 

Das Vereinfachen von komplexen Themen. Sozusagen die Punkte herauszufinden, mit denen man – hoffentlich – Wirtschaftsinformationen für Menschen interessant machen kann. Das ist bei Wirtschaft besonders schwierig, aber möglich, und das finde ich reizvoll.

Es geht immer um die Vereinfachung, es geht um die Erklärung von Dingen, die vielen Menschen nicht unmittelbar zugänglich sind.  Wirtschaft ist oft so ein spanisches Dorf, eine Black Box. Wo viele sagen: Da kennen ich mich nicht aus, das hat mich noch nie interessiert.

In der Finanzkrise 2008 haben wir aber gesehen, dass plötzlich der Taxifahrer einen auf Staatsanleihen angesprochen hat, mit denen er bis dahin sicher noch nie irgendwas zu tun hatte. Viele Menschen haben darüber gesprochen, wie es mit dem Euro weiter geht. Das war damals interessant und spannend zu sehen. Das war auch der Beweis dafür, dass Menschen dann, wenn es um Großereignisse geht, sich auch für Wirtschaft interessieren. Da hat die Wirtschaftsberichterstattung eine ganz große Verbreitung gefunden.

Wirtschaftsjournalist*innen haben heute viele Möglichkeiten. Sie können sich vieler Formate bedienen, auf große Datenmengen zugreifen. Das allein ist aber oft nicht genug. Wann ist ein wirtschaftsjournalistischer Beitrag gelungen?

Ein Betrag ist dann gelungen, wenn er verständlich ist. Wenn er das Wesentliche darstellt. Bei einem Vulkanausbruch gewinnt man alleine durch die Bilder das Interesse der Menschen. Das ist bei Wirtschaftsthemen schwieriger. Nehmen wir die Hypo Alpe Adria, einer der größten Wirtschaftsskandale des Landes. Hier Bilder zu zeigen war schwierig: die Bank hatte kaum Filialen. Die Zentrale in Klagenfurt haben wir von allen Seiten gezeigt. Selbst die Dachrinne filmten wir ab. Aber das ist bildtechnisch unfassbar langweilig.

Wie bebildert man die Insolvenz einer Bank? Das ist schwer. Ein guter Beitrag gelingt uns also dann, wenn wir auch ohne Bilder das Wesentliche herausarbeiten und verständlich vermitteln. Was hat die Hypo Alpe Adria falsch gemacht in 1 Minute 20 Sekunden erklärt. Das ist die hohe Kunst.

Der Einsatz von Grafiken und Animationen ist natürlich sehr sinnvoll. Im Fernsehen wird das immer wichtiger. Ich habe schon vor vielen Jahren angeregt, dass wir unterschiedliche graphische Möglichkeiten als Vorlagen für Kolleg*innen entwickeln. In der ZiB2 / ZiB-Nacht haben wir die Videowall, auf der wir Grafiken, Charts und Zahlen aller Art darstellen können. So haben wir in der Finanzkrise auch schon die Bilanz von Raiffeisen International dargestellt. Grafiken sind eine ganz entscheidende Unterstützung im Fernseh-Bereich und natürlich auch in Social Media und sonstigen Medien.

Gesagt ist nicht gehört und gehört ist nicht verstanden. Das scheint bei Wirtschaftsthemen ganz besonders zu gelten. Wirtschaftsberichterstattung gehört nicht zu den beliebtesten Themen. Woran liegt es?

Wirtschaft ist ein Thema, mit dem man sich oft nicht bewusst befasst. Viele denken, da kenne ich mich nicht aus. Für uns, Journalistinnen und Journalisten, bedeutet es, wir müssen die Menschen bei Null abholen. Wir können nichts voraussetzen, gar nichts.

Nach einer Umfrage der Erste Group aus dem Jahr 2013 kann ein Viertel der Menschen nicht erklären, was Zinsen sind. Im Fernsehen haben wir nicht die Möglichkeit, alle Fachbegriffe wie Zinsen, Bruttoinlandsprodukt oder Bilanzbegriffe zu erläutern. Man muss mit ganz einfachen Formulierungen arbeiten.

Was können Wirtschaftsjournalist*innen tun, um Wirtschaft als Thema populärer zu machen?

Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, dass wir wichtige Themen abbilden und erklären. In der Wirtschaftskrise haben sich alle sehr für Wirtschaft interessiert. Jetzt interessieren sich alle für virologische und epidemiologische Themen. Meine These lautet daher: Es liegt am Thema. Wenn das Thema groß genug ist, wenn es wichtig genug ist. Und wenn es entscheidend genug ist, dann beginnen sich die Menschen dafür zu interessieren.

Was nicht funktioniert, ist, wenn die Journalist*innen beschließen, Menschen etwas beibringen zu müssen. Wir sind Journalist*innen, die das abbilden, was in der Gesellschaft gerade von Bedeutung ist. Dort gehören Wirtschaftsthemen mit Sicherheit dazu. Aber mehr Wirtschaftsthemen ohne Anlass zu bringen, wird wenig bewirken.

Als öffentlich-rechtlicher Sender unterliegt der ORF diversen Auflagen wie Ausgewogenheit und Objektivität der Berichterstattung. Gleichzeitig erwartet das Publikum aber eine Einordnung, vielleicht auch Einschätzung der Entwicklungen. Wie gehen Sie mit diesem Dilemma um?

Ich sehe das Dilemma nicht. Es ist unsere Aufgabe, Dinge einzuordnen. Wir unterliegen natürlich gewissen gesetzlichen Verpflichtungen. Dazu gehört eben Objektivität. Wir dürfen an sich kommentieren. Das wäre vom Gesetz sogar vorgesehen, aber der ORF ist hier relativ zurückhaltend. Wir machen Analysen und versuchen aufzuzeigen, welche Interessen hinter welcher Aktion stecken. Aber wir kommentieren anders als Printmedien.

Einordnung wird aber immer wichtiger. Das alles hat mit dem Journalismus generell zu tun und nicht nur mit Wirtschaftsthemen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Verbreitung bestimmter Medien enorm ist. Die ZiB1 hat derzeit bis zu 2 Millionen Zuseherinnen und Zuseher. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass der ORF so berichten muss, dass sich 2 Millionen Zuseherinnen und Zuseher angesprochen fühlen und den Beitrag nicht einseitig empfinden. Diese Ausgewogenheit ist uns sehr wichtig. Immer die andere Seite anhören und darstellen.

Die Digitalisierung macht auch vor dem Journalismus nicht halt. Datenjournalismus und Robot-Journalismus prägen den Alltag in einigen Redaktionen. Muss die/der Wirtschaftsjournalist*in der Zukunft in erster Linie in Algorithmen denken können?

Nein, also das schließe ich aus. Die Hauptaufgabe der Fersehjournalist*innen ist es, die Daten zu interpretieren. Dazu braucht es nicht mehr Details und Zahlen. Aber es gibt Arbeitswelten, die künftig stärker zusammenwachsen werden. Aber letztlich geht es darum, in den Daten eine Geschichte zu erkennen.

In Kürze wird auch eine gekürzte Version dieses Interview auch auf der Website der FH St. Pölten erscheinen.


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