Was macht guten Wirtschaftsjournalismus aus?

Andras Szigètvari über die Rolle der Digitalisierung und Big Data in Wirtschaftsredaktionen

Monika Kovarova-Simecek (Studiengangsleiterin des Masterstudiums Wirtschafts- und Finanzkommunikation) im Gespräch mit Andras Szigètvari (Wirtschaftsredakteur DerStandard):

Herr Szigètvari, Sie sind von der Ausbildung her studierter Jurist und Politikwissenschafter. Heute zählen Sie zu den bekanntesten Wirtschaftsredakteuren Österreichs.  Was hat Sie dazu bewogen, Wirtschaftsjournalist zu werden?

Es war ein glücklicher Zufall. Mein Lehrvertrag in der Außenpolitik-Redaktion der Tageszeitung DerStandard endete exakt am Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2009. Jobs für Journalistinnen und Journalisten waren damals natürlich rar. Ich wurde gefragt, ob ich nicht in die Wirtschaft wechseln will, dort könne man eine Stelle schaffen. Ich sagte zu. Bankenpleiten, Staatenpleiten, Eurokrise: Es ging turbulent, aber umso aufregender los. Jede Woche eine Dienstreise in ein anderes Krisenland, es hätte schlimmer sein können.

Welche Kompetenzen müssen Wirtschafts- und Finanzjournalistinnen und -journalisten heute haben? Was müssen wir im Master Wirtschafts- und Finanzkommunikation aus Ihrer Sicht unbedingt im Curriculum berücksichtigen?

Neben dem Einmaleins des Faches, also der Kenntnis journalistischen Grundregeln zur Recherche zum Beispiel, erscheinen mir zwei Dinge wichtig. Einerseits sollten Kolleginnen und Kollegen Freude an Experimenten mit neuen Technologien mitnehmen. Sie sollten in diesem sich ständig entwickelnden Feld die Fähigkeit haben, selbständig dazulernen zu können. Andererseits ist ein grundlegendes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge essentiell. Ob nun Unternehmen Kennzahlen präsentieren oder eine Debatte über öffentliche Ausgaben läuft, es ist wichtig, den Konnex zu kennen. Wer vertritt welche Interessen – und warum?

Welchen Stellenwert hat Digitalisierung in der Wirtschafts- und Finanzkommunikation und speziell im Wirtschafts- und Finanzjournalismus?

In der tagesaktuellen Arbeit spielt Digitalisierung allein schon deshalb eine immer wichtigere Rolle, weil Medienhäuser ihr Wachstumspotenzial aktuell Online sehen. Dabei wird die Aufbereitung von Geschichten mit Grafiken, Video- und Audioinhalten zusehends wichtiger. Aber: Auch hier ist entscheidend zu wissen, wo ich diese Inhalte einsetzen kann um Information zu vermitteln und wo es reine Spielerei ist.

Stichwort Big Data – welche Rolle spielen Daten und Datenanalyse in der medialen Wirtschafts- und Finanzberichterstattung?

Datenanalyse ist derzeit noch auf Themen fokussiert, die für ein breites Publikum leicht und sofort verständlich sind. Wirtschaftsberichterstattung steht also nicht an erster Stelle. Aber: In bestimmten Bereichen wird die Datenanalyse auch hier immer wichtiger. Man denke etwa nur an die zunehmende Bedeutung von Debatten über die wachsende Ungleichheit in vielen Ländern. Ohne Datenauswertungen zu Einkommen, Vermögen etc. lassen sich solche Geschichten heute gar nicht mehr erzählen.

Das Interesse der breiten Bevölkerung in Wirtschafts- und Finanzthemen ist generell eher verhalten. Was macht gute Wirtschafts- und Finanzkommunikation aus und wie können Menschen zur Rezeption von Wirtschaftsnachrichten motiviert werden?

Wichtig ist es, Geschichten einfach zu erzählen. Das bedeutet nicht komplexe Sachverhalte auszusparen, im Gegenteil. Aber: die Leserinnen und Leser müssen abgeholt werden, das heißt, komplexe Fachbegriffe und Zusammenhänge müssen erklärt werden. Schritt für Schritt. Eine Geschichte muss auch die Frage beantworten, warum sie relevant sein soll für Menschen. Betrifft es mich, mein Umfeld oder ist die Sache relevant, weil sich grundlegende Fragen von Gerechtigkeit stellen?

Zum Abschluss: Welche Entwicklungstrends orten Sie in der Wirtschafts- und Finanzkommunikation?

Einerseits gibt es den Trend dazu, Geschichten schneller zu produzieren. Andererseits wächst gerade in Zeiten von Debatten über Fake-News das Bedürfnis danach, verlässliche Informationen zu bekommen. Das bedeutet: Journalistinnen und Journalisten sowie Kommunikationsexpertinnen und -experten werden sich Themen künftig noch intensiver widmen müssen, um Fehler zu vermeiden. Wo sie passieren, wird ein transparenter Umgang gefragt sein. Spannend wird, welche Rolle die Kommunikation mit Leserinnen und Lesern und Userinnen und Usern künftig haben wird.

 

Fotocredits: Astrid Just

 

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